Erinnerungen – ein Serbe erzählt

Veröffentlicht: August 11, 2015 in AKTUELL SCHÜTZT ALEXANDER DORIN

Als ich zum ersten Mal von den Büchern des Autors Alexander Dorin hörte, war ich misstrauisch, weil er gebürtiger Serbe ist. Dann geriet ich in einen Konflikt, denn ich wollte doch nie ein Rassist sein – vorurteilsfrei erzog ich schließlich auch meine Kinder. Zwei Jahre zuvor hatte ich zwar schon kritische Bücher über die Balkankriege gelesen, jedoch von deutschsprachigen Autoren. Hier war es anders und das Thema Srebrenica galt schließlich auch für mich bis Ende 2010 als unumstößliches und bewiesenes Massaker an Tausenden moslemischen Männern. Also begann ich gegen mein entdecktes Vorurteil anzukämpfen, ohne eine Ahnung zu haben woher dieses kollektive Misstrauen gegen die serbische Bevölkerung entstanden war.

Das Buch „Jasenovac – das jugoslawische Auschwitz und der Vatikan“ von Vladimir Dedijer, ein Kampfgefährte und Biograph Titos (Josip Broz), habe ich erst vor zwei Jahren gelesen. Im Vorwort erzählt Alexander Dorin seine Erinnerungen:

Jasenovac das jugoslawische Auschwitz und der Vatikan

Ich schaue oft zurück und erinnere mich mit etwas Wehmut an die zahlreichen Aufenthalte in Bosnien während meiner Kindheit. Meine Eltern nutzten jede Gelegenheit, um mit mir ihre alte Heimat zu besuchen. Das Leben als Gastarbeiter in der Schweiz hatte bei ihnen die Sehnsucht nach ihren Wurzeln genährt.

Ich kann es ihnen nachempfinden, denn wenn ich heute an das »alte« Bosnien denke, so erinnere ich mich an grüne Hügel, Wälder und Wiesen, wie auch an quirlige Bäche und Flüsse, und überall zierten die Heuhaufen der Bauern die malerische Landschaft. Anstelle von Traktoren zogen noch oft Pferde die Wagen mit den verschiedenen Gütern und verliehen dem Land einen Hauch von einer längst vergangenen Zeit. Viele Male ritt ich mit Freunden und Bekannten durch die schöne Gegend, vorbei an Quellen mit Trinkwasser und Wäldern voller essbarer Pilze, die wir oft einsammelten. Ich erinnere mich auch an den weit verbreiteten Duft, wenn mich die Dorfbewohner auf die Felder mitnahmen, um mit ihnen während warmen Sommertagen das Heu auf die Wagen zu laden. Es war aber nicht nur das Heu, das diesen Duft ausmachte, sondern auch das bosnische Basilikum, das oft wild wuchs, von den Bewohnern »Bosiljak« genannt wird und das zusammen mit dem Heu zum »Duft Bosniens« verschmolz.

Es führten damals noch keine Straßen zum Geburtsdorf meines Vaters, so dass wir uns den Zugang dorthin mit dem Auto nur mühsam und über holperige Stein- und Schlammwege bahnen konnten, vorbei an schlichten, weiß getünchten Häusern und an verwitterten Holzschuppen. Die Dorfbewohner waren sehr nett und für ihre Gastfreundschaft bekannt. Tagelang wurde gekocht, gegessen und getrunken, wenn ich mit meinen Eltern zu Besuch war. Von morgens bis abends rief uns jemand ins Haus auf ein Getränk, zum Essen oder auch nur zum Plaudern. Oft streiften wir auch mit Pferdewagen durch die Wälder und überquerten Flüsse, wenn Ausflüge und Essen in der freien Natur organisiert wurden. Begleitet wurden diese Feierlichkeiten natürlich von lebendiger Musik und Tanz. Einige Male konnte ich auch alte Bräuche miterleben, während denen die Dorfbewohner nachts mit brennenden Fackeln ausgestattet durch die Gegend zogen.

Ich genoss damals als Kind diese Atmosphäre und Aufmerksamkeit, die einem von diesen Menschen entgegengebracht wurden. Erst mit der Zeit stellte ich mir die Frage, weshalb ich eigentlich nur so wenige Verwandte besaß. Wo waren denn die Großeltern, Onkel, Tanten und andere Verwandte, die meine gleichaltrigen Schulkollegen in der Schweiz besaßen. Weshalb hatte ich nur eine Großmutter, während der Rest der Familie, bis auf einige Halbverwandten, nicht vorhanden war? Zur gleichen Zeit fiel mir auf, dass überall dieser Harmonie und Liebenswürdigkeit auch eine tiefe Trauer schwebte, die sich vor allem in den Augen der älteren Menschen spiegelte. Oft sah ich meine Großmutter, wie sie, auf einer Bank vor dem bescheidenen Häuschen sitzend, mit glänzenden Augen sehnsüchtig in die Ferne schaute. Wo waren ihr Mann, ihre Kinder und ihre Verwandten geblieben?

Eines Tages – ich war schon viele Male nach Bosnien gereist – stellte ich meiner Mutter die Frage, wo denn die anderen Familienmitglieder aus Vaters Familie geblieben sind. Der ansonsten immer liebliche Gesichtsausdruck meiner Mutter veränderte sich schlagartig zu einer seltsam versteinerten, von tiefer Betroffenheit gezeichneten Miene, und es folgte längeres Schweigen, bis sie schließlich leise und zögerlich antwortete: »Es war während des letzten Krieges, als böse Menschen hier eindrangen und schlimme Verbrechen verübten.« »Ja aber wer denn? «, wollte ich wissen. »Die Nazis, mein Junge, die Nazis«, antwortete sie und atmete dabei tief durch. Erst viele Jahre später sollte ich erfahren, dass das nur die halbe Wahrheit gewesen ist.

[Der Journalist Zoran Jovanovic erklärte mir im August 2011, als wir in Vlasenica einen Friedhof besuchten, auf dem serbische Opfer aus den Neunzigern bestattet sind und sich Gedenksteine der serbischen Opfer aus WWII befinden, dass die Verbrechen im Zweiten Weltkrieg, die von kroatischen und moslemischen Nazi-Kollaborateuren an Serben verübt worden sind, Tabuthemen waren. Man kannte nur die deutschen Faschisten.]

Ich befragte auch meinen Vater zu den damaligen Ereignissen, doch er wollte noch weniger dazu sagen. Er wandte sein Gesicht von mir ab, und ich begriff, dass ihn irgend etwas an meiner Frage tief erschütterte und alte Wunden aufgerissen hatte. Was um Himmels willen war nur geschehen? Und wieso wollte niemand darüber reden?

Erst einige Jahre vor Ausbruch der jüngsten jugoslawischen Kriege – ich war so um die zwanzig Jahre alt – erhielt ich endlich von einem entfernten Verwandten die lang ersehnte Antwort. 1941 waren deutsche Truppen in Bosnien eingedrungen und hatten Massenmorde an serbischen Zivilisten verübt. Bosnien gehörte damals – so erfuhr ich – zum großkroatischen Staat, der, nebst Kroatien, auch Bosnien und Teile Serbiens umfasste. In diesem großkroatischen Staat wüteten kroatische Soldaten besonders grausam und übertrafen an Sadismus die Soldaten der Wehrmacht, die die Serben, Zigeuner und Juden meist erschossen, während die faschistische kroatische Ustascha sich durch besonders abscheuliche Folterungen und Massaker hervortat. Ich las später, dass diesen Verbrechen Hunderttausende Serben, Zigeuner und Juden zum Opfer fielen. Ich erfuhr weiter, dass in Jasenovac das berüchtigtste war und in denen die Opfer dermaßen brutal gequält und ermordet wurden, dass sogar einige Nazis dagegen protestierten.

Den kroatischen Ustaschen und den Nazis schlossen sich auch viele bosnisch-moslemische Einheiten an, die sich an den Greueltaten beteiligten. Und so trieben im Jahr 1941 deutsche Soldaten, unterstützt von moslemischen Bewohnern aus der Region, im Dorf Kljevci (nahe der Stadt Sanski Most) 280 serbische Zivilisten zusammen und erschossen sie an Ort und Stelle. Unter den Opfern waren auch mein Großvater, drei ältere Brüder meines Vaters und weitere Verwandte. Meine Großmutter und mein Vater mussten sich das grausige Geschehen aus einiger Entfernung anschauen. Oft ergötzten sich die Täter, so berichtete mir mein Gesprächspartner, am Leid der Familienmitglieder, die sich diese Verbrechen an ihren Verwandten anschauen mussten, und ließen einige von ihnen völlig gebrochen zurück. Und so wurde auch meine Großmutter mit ihrem jüngsten Sohn zurückgelassen.

Für diese Opfer wurde beim Dorf Kljevci ein Denkmal errichtet, das 1995 während des jüngsten Bosnienkrieges von der moslemischen Armee fast völlig zerstört wurde. Ein Halbcousin von mir (meine Großmutter heiratete nach dem Krieg noch einmal) erzählte mir eines Tages, dass mein Vater während jedes Besuches regelrecht zum Denkmal geschoben werden musste und anschließend für mindestens einen Tag nicht mehr ansprechbar war. Ab 1992 verstarb er aufgrund des hohen Alkoholkonsums im Alter von einundsechzig Jahren.

Meine Mutter erging es 1941 als Zweijährige noch ein wenig schlechter als meinem Vater. Die Deutschen und die Ustascha überfielen ihr Dorf Devetaci bei Novi Grad nahe der Grenze zu Kroatien. Dabei wurden viele ihrer Verwandten und Bekannten verschleppt und ermordet, darunter auch ihre beiden Eltern. Sie selber wurde von einer Großtante kurz vor dem Angriff weggebracht. Sie verbachte eine gewisse Zeit mi den Partisanen von Josip Broz »Tito« im Kozara-Gebirge, geriet jedoch während der Kriegshandlungen in deutsche Gefangenschaft. Sie wurde für einige Zeit in ein kroatisches Konzentrationslager gesperrt, bevor sie, zusammen mit ihrer Großtante, als Kriegsgefangene nach Deutschland transportiert wurde (2004, ein Jahr vor ihrem Tod und ihrem sechsundsechzigsten Geburtstag, erhielt meine Mutter von der deutschen Bundesregierung als Entschädigung für Deportation, Unterbringung in einem Konzentrationslager und Zwangsarbeit 7669 Euro und 36 Cent, ausbezahlt von der »International Organisation for Migration« [IOM] aus Genf im Rahmen des »German forced labour compensation«. Nicht ganz 7670 Euro für eine zerstörte Kindheit und eine fast ausgerottete Familie! Serbisches Leben scheint nicht so teuer zu sein). Nach Kriegsende wurde sie wieder nach Jugoslawien gebracht, wo sie als Kriegswaise aufwuchs. Später, als junger Mensch – sie lebte und arbeitete mittlerweile in Belgrad -, lernte sie meinen Vater kennen, der mit ihr das gleiche Schicksal teilte.

Meine Eltern redeten kaum jemals über diese traumatischen Ereignisse, wie die meisten serbischen Kriegsopfer aus dem Zweiten Weltkrieg im ehemaligen Jugoslawien. Im einstigen jugoslawischen Vielvölkerstaat unter Josip Broz »Tito« war es verpönt, über diese Verbrechen zu reden. Eine Geschichtsaufarbeitung fand im Interesse der »Brüderlichkeit und Einigkeit« nicht statt. Es wurde ganz einfach ein Deckel über den zweiten Völkermord am serbischen Volk innerhalb weniger Jahrzehnte gelegt. Auch die Tatsache, dass der Vatikan damals während des an den Serben verübten Massenmords im katholischen Großkroatien maßgeblich beteiligt war, wurde nach Kriegsende bis heute in der Weltöffentlichkeit nahzu tabuisiert, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass der Vatikan ab 1991 dem kroatischen Staat wieder tatkräftig unter die Arme griff.

Meine Mutter fing erst zu Beginn der jüngsten jugoslawischen Kriege über die Schrecken des Zweiten Weltkrieges an zu reden, als sie mitansehen musste, wie in ihrer alten Heimat wieder der Krieg tobte. Doch wie schon damals, so hörte auch dieses Mal niemand die Stimmen der serbischen Opfer. Was nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Namen der »Brüderlichkeit und Einigkeit« verschwiegen wurde, wurde während der jüngsten Kriege erneut tabuisiert, dieses Mal von den führenden westlichen Massenmedien. In einem Anfall von völligen Tatsachenverdrehungen, zrückgehaltenden Fakten und auch schamlosen Lügen Kreierten »unsere« Medien bewusst ein völlig verzerrrtes Bild der letzten Balkankriege. Die Serben wurden kollektiv zu einem Volk von nationalistischen Verbrechern und Massnemöprdern erklärt, während man die anderen Völker Ex-Jugoslaweiens quasi zu heiligen Unschuldslämmern und Opfern des »großserbischen« Wahns erklärte. Es wurde die Perversion vollbracht, die einstigen serbischen Völkermordopfer zu Faschisten umzulügen. Damit wurden die ehemaligen Opfer der Achse Nazideutschland/Großkroatien gleich zweimal getötet.

Ich erinnere mich daran, wie sich meine Mutter, im Sterbebett liegend, weinend darüber beklagte, dass sie ihre Eltern nie kennenlernen durfte und als Serbin von ihrem Umfeld bis kurz vor ihrem Tod angegriffen und schlechtgemacht wurde. Worin lag ihre Schuld für das erlebte Unglück und das Schweigen in der Weltöffentlichkeit über solche Schicksale? Was haben Menschen wie sie den NATO-Staaten und den westlichen Massenmedien angetan, dass diese sich ab 1991 das Recht herausnahmen, Millionen von Serben in einer beispiellosen Hetz- und Desinformationskampagne zu demütigen, zu denunzieren und niederzumachen? War es ihre orthodoxe Religionszugehörigkeit? Oder war es ihr serbischer Name? Ist jemand schuldig, zu sein? Wird uns seit dem Ende Nazideutschlands nicht immer und immer wieder eingetrichtert, dass die Zeit des Rassenhasses vorbei sei? Sind unsere »Neuzeithumanisten« tatsächlich der Meinung, dass diese Regel in bezug auf alle Völker gilt, mit Ausnahme des serbischen Volkes?

Gegenwärtig scheint die Weltherrschaft der USA ohne Konkurrenz und von unabsehbar langer Dauer zu sein. Möge das vorliegende Buch eines Tages, wenn sich die politische Situation weltweit zuungunsten der momentan einzigen Weltmacht und all ihrer negativen Begleiterscheinungen wie z.B. Aggressionskriege gegen »Schurkenstaaten«, totalitäre Massenmedien und Angriffe gegen Andersdenkende – was ja von vielen europäischen Staaten vom großen »US-Bruder« dankbar übernommen und auch angewandt wurde – dazu beigetragen, dass die serbischen Opfer wiederholter Völkermorde während des letzten Jahrhunderts späte Gerechtigkeit erfahren. Und man mag auch zaghaft hoffen, dass der Westen in der Zukunft nicht noch einmal von der letzten Großmacht und den von ihr beeinflussten Massenmedien erzeugten Sturm des antiserbischen Rassenhasses heimgesucht wird.

Alexander Dorin

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Diese Fotos sind der Facebookseite von Alexander Dorin entnommen: Das Denkmal befindet sich auf dem Weg in das Dorf Kljevci. Es ist 300 Serben gewidmet, die 1941 getötet worden sind, darunter befand sich ein großer Teil der Familie von Alexander Dorins verstorbenen Vater.

Kljevci_Denkmal_A.Dorin VerwandteKljevci_Denkmal_A.Dorin Verwandte_b

Das Monument wurde während des Krieges in den Neunzigern zerstört.

bosnisch-moslemische Einheiten 1942 bei Srebrenica (Bosnien)

bosnisch-moslemische Einheiten 1942 bei Srebrenica (Bosnien) im Großkroatischen Staat

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Das Schachbrettmuster in der Kroatischen Flagge ist das „U“der faschistischen Ustaschen. Quelle: Wikipedia

1945 Jasenovac Devils playground

„Katholischer Klerus war an Vernichtungslagern beteiligt“ AG-Friedensforschung

Jasenovac das jugoslawische Auschwitz und der Vatikan_2

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